Die Aktion Bingen liest ein Buch geht in die zweite Runde. Den Kandidaten des vergangenen Jahres habe ich hier besprochen. Dieses Jahr ist Die Geschichte der Bienen von Maja1 Lunde am Start, ein Roman über das hochaktuelle Thema „Bienensterben“, der in drei parallelen Geschichten erzählt wird:

Ein alternder Insektenforscher im 19. Jahrhundert verzweifelt am Widerspruch zwischen Landleben, Ehe und wissenschaftlichem Anspruch. Er ist die meiste Zeit bettlägerig, liegt mit der Familie im Dauerclinch und blickt wehmütig auf die Jugend zurück, bis er einen bahnbrechenden Bienenkorb entwickelt.

Ein expandierender Imker kommt nicht damit zurecht, dass sein Sohn lieber etwas literarisches studiert als in den Betrieb einzusteigen. Er wird sich später eine streng bienenschonende Imkerphilosophie zulegen – und verliert dennoch als einer der ersten seine Völker an Colony Colapse Disorder.

Im Jahr 2087 gibt es keine Bienen mehr. Auf weiten Plantagen in China werden Blüten von Hand bestäubt. Auch Tao arbeitet dort, sie versucht ihren Sohn mit etwas Bildung zu füttern, ehe er auch auf den Feldern arbeiten muss. Der Sohn fällt einer mysteriösen Krankheit zum Opfer, Ärzte kämpfen um sein Leben.

Ansprechend, mit Längen

Die Geschichte der Bienen liest sich ansprechend, die Sprache ist einfach gehalten, die in den Zeitebenen abwechselnden Kapiteln sind nie sonderlich lang. Das macht das Buch zu einem Page-turner, auch wenn die Handlung manchmal kaum vorankommt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die 2087er Handlung zuerst da war. Obwohl die keine Basis in der Realität hat, wirkt sie konsequenter zu Ende gedacht. Die Geschichte ist spannender, die Charaktere berühren den Leser direkt. Auch der Aufbau des Romans nährt den Verdacht. Die Kapitel der anderen Zeitebenen sind deutlich kürzer und handlungsärmer, man nimmt sie regelmäßig als retadierendes Moment zwischen den relativ spannenden 2087er Abschnitten war. Überhaupt wirkt die Dreiteilung unausgegoren. Weit entfernt von einer souveränen Verwebung verschiedener Erzählzeiten ist Die Geschichte der Bienen. Eher erinnert das Ganze daran, wie der Schnitt in modernen TV-Serien zum alles überragenden stilistischen Mittel geworden ist, das oft genug auch darüber hinwegtäuschen soll, dass die einzelnen Erzählstränge so spannend gar nicht sind.

Was die beiden historischen Erzählstränge aufwerten könnte, wirkt leider unglaubwürdig: Der doppelte Vater-Sohn-Konflikt nämlich – Nicht so sehr wegen den Handlungen der Väter als wegen derer Gedanken. Beide scheinen nämlich durchgängig zu wissen, dass ihre Verhaltensweise selbstsüchtig, konservativ und aus der Sicht eines modernen liberalen Bürgertums irgendwie nicht o.k. sind. Selbst der Bienenforscher des 19. Jahrhunderts durchblickt genau, wie falsch es ist seinen Sohn zu schlagen und aufgrund welcher eigener psychologischer Defekte er das tut. Wie ich schon einmal im Hinblick auf US-Serien schrieb: Es scheint modernen Liberalen verdammt schwer zu fallen, überzeugende Konservative zu schreiben.

Ein Roman muss als Roman gelesen werden!

Auf Amazon finden sich mehrere Kritiken, die der Autorin mangelnde Kenntnisse der Imkerei und der Biologie im Allgemeinen vorwerfen. Das wiederum finde ich weniger störend, solange die Geschichte funktioniert. Nicht nur die Hintergründe, sondern auch das Ausmaß des Bienensterbens sind, wie auf Wikipedia ausführlich und mit Quellen nachzulesen ist, durchaus umstritten. Als wissenschaftlich fundierte Abhandlung gelesen ließe Die Geschichte der Bienen dann auch sicher einiges zu wünschen übrig. Als historische Überzeichnung ist aber besonders der Zukunftsstrang um die Erzählerin Tao tatsächlich gelungen. Man wirft 1984 doch auch nicht vor, keine soziologische Studie zu sein, meine Güte!

Anspruch ***
Ausführung ***

Bild: gemeinfrei

1Ja, sie heißt wirklich Maja. Und schreibt über Bienen.

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