… Oder: Konnte? Sein erstes Werk, Wenn der Wind singt zumindest, das ich mir als Kontrapunkt zum unerträglich ausgewalzten 1Q84 angeschaut habe, ist tatsächlich eine kurzweilige Lektüre. Sicher, es handelt sich vor allem um eine Erzählung darüber, wie der Text Wenn der Wind singt entstanden sei. Doch das Drumherum ist ansprechend gestaltet. Eine heruntergekommene Kneipe in einem billigen Viertel des Tokios der 70er Jahre, wo sich die Überreste der Studentenbewegung herumtreiben. Die viel zu viel Bier trinkenden Protagonisten, der Erzähler und Ratte. Zwischendurch mal eine Affäre, die ein oder andere spätpubertäre philosophische Diskussion, sowie kurze Abhandlungen über das Werk des fiktiven Pulp-Schriftstellers Derek Heartfield, dessen Selbstfindungsparabel Die Brunnen des Mars dem Text sein symbolisches Zentrum verleiht – und deren „Nacherzählung“ ein wundervolles Stück Literatur in einem sonst ordentlichen darstellt.

Gebrochener Hardboiled & Bukowskismus

Ja: Man merkt Wenn der Wind singt die Lektüre amerikanischer Hartboiledkrimis seines Autors deutlich an. Kurze Sätze, düstere Szenerie, eine gewisse gezwungene toughness der Darstellung. In Verbindung mit dem eigentlich nichts auf die Reihe bringenden Studentenduo (davon Ratte ein reicher Erbe ist) kippt das allerdings durchaus glücklich und gewollt ins Melancholische bis Absurde. Eine gehörige Prise ultramännlicher Bukowskismus ist natürlich auch dabei. Dafür gilt das gleiche: Das Setting unterminiert die Dicke-Eier-Attitüde sehr vorteilhaft. Und einige lakonisch dazwischen gestreut Bemerkungen sind richtig lustig, etwa:

„Haben Sie schon mal so nett mit einer geschiedenen Frau geplaudert?«
»Nein. Aber ich bin schon einmal einer Kuh mit einer Neuralgie begegnet“

oder:

„Es war eine Zeit, in der jeder möglichst cool sein wollte. Als die Schule zu Ende war, beschloss ich, nur noch die Hälfte von dem zu sagen, was ich wirklich dachte. Den Grund dafür habe ich vergessen, aber an diesem Einfall hielt ich jahrelang fest. Und eines Tages entdeckte ich, dass aus mir ein Mensch geworden war, der nur die Hälfte von dem sagen konnte, was er dachte.“

Und dann ist der Roman kurz, Halleluja! Wem es zu blöd ist in einem Roman wie Women mehrere Dutzend Male die immer gleiche Handlung aus Machoprovokationen, Rumgevögel und Trennung ohne jegliche Entwicklung zu ertragen aber trotzdem auf diese abgefuckte Düsterniss steht, der dürfte an diesem selbstironischen frühen Stück Murakamis seine Freude haben. Das Gewese um eine mysteriöse Frau, die das Leben des Erzählers in eine neue Bahn lenkt ist zwar schon ganz später Murakami, aber noch nicht sehr aufdringlich.

Englisches Japanisch?

Im Vorwort zur spät veröffentlichten internationalen Ausgabe übrigens erzählt Murakami, wie er seinen frühen Stil tatsächlich dadurch entwickelte, seine Texte erst in unsicherem Englisch zu schreiben und dann von dieser einfachen Basis ins Japanische zurück zu übersetzen:

„Damals entdeckte ich, dass man auch mit einer begrenzten Anzahl von Wörtern und idiomatischen Wendungen Gefühle und Absichten zum Ausdruck bringen kann, sofern es einem gelingt, sie wirksam zu verbinden und diese Kombination effektiv einzusetzen. (…) Ich setzte mich mit Manuskriptpapier und Füller an den Schreibtisch und „übersetzte“ das, was ich auf Englisch geschrieben hatte, ins Japanische. Ich nenne es zwar »übersetzen«,aber natürlich handelte es nicht um eine wörtliche Übertragung,sondern eher um eine freie Anverwandlung. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Auf diese Weise kam unweigerlich ein neuer japanischer Stil zustande, der zugleich mein eigener war. Der Stil, den ich selbst gefunden hatte. Sieh mal an, dachte ich, so musst du schreiben.“

Und weiter:

„Hin und wieder bekomme ich zu hören, meine Sätze klingen wie eine Übersetzung. Ich weiß nicht, was genau damit gemeint ist, aber ich vermute, es trifft zu – und auch wieder nicht. Dieses erste Kapitel hatte ich tatsächlich ››übersetzt«, zumindest was den praktischen Vorgang betraf. Mein Ziel war es, einen flexiblen, „neutralen“ Stil zu schaffen, der auf überflüssige Schnörkel verzichtete. Ich wollte kein gesichtsloses, verwässertes japanisch schreiben, sondern einen eigenen natürlichen Erzählton kreieren, der möglichst weit entfernt von dem üblichen »romanhaften Stil« war. Und dazu musste ich zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.“

Schade, dass er sich da nicht durchgehend dran gehalten hat. Murakami beginnt als ein Autor, der aus seinen eher beschränkten Fähigkeiten das Beste macht, indem er sich weiter beschränkt. Wann genau dieser Autor, der in durchaus gelungener Weise den Hardboiled transzendiert (ich habe auf jeden Fall jetzt wieder Hoffnung, dass mir auch Hardboiled Wonderland Spaß machen könnte) sich entschlossen hat „große Literatur“ zu verfassen weiß ich nicht. Es fällt zumindest auf, dass mit der Zeit vor allem die Länge der Murakami-Romane explodiert, während der Autor sich praktisch keine neuen Techniken zur Strukturierung des Materials erarbeitet. Und schon Südlich der Grenze, westlich der Sonne zum Beispiel, das ich mir nach Wenn der Wind singt vorgenommen habe, hat thematisch dann wenig Neues zu bieten und breitet das hin- und hergerissen Sein zwischen Geilheit und Verklärung ewiger Liebe auf das drei bis vierfache des früheren Romanes aus. Und der gewaltige Fuckup 1Q84 dann eben auf 1500. Ich bin nach Wind definitiv bereit, dem Autor noch die ein oder andere Chance zu geben und hoffe inständig, dass sich dazwischen noch Texte finden, in denen Murakami seine Einfälle auch literarisch unter Kontrolle zu halten fähig ist.

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