Erhellender Bildband / starke Essayistische Einordnungen

Ich bin, was Fotografie betrifft, eher Laie. Das heißt, ich kann es ganz ordentlich, aber die kunstgeschichtlichen Hintergründe habe ich kaum präsent. So ist dieses Buch denn auch für mich ein Fischen außerhalb bekannter Gewässer.

Wer sich den schweren Bildband zulegt, wird wahrscheinlich sowieso bereits ein Fan Vollands sein. Lange Zeit ein Kunst-Außenseiter, ein satirisch/kritisch Intervenierender in den Betrieb herein ist der heute längst durchaus anerkannter Künstler. Dennoch sicher ein Wagnis, eine solch umfassende Werkschau zu gestalten: ein großes, schweres Buch, das aller Mühe zum trotz natürlich mit dem Manko zu kämpfen hat, dass die Bilder auf druckbares Format verkleinert werden müssen.
In ihrem künstlerischen Eindruck auf den unbedarften Betrachter variieren die stark. Viele sind eben doch sehr vom historischen Kontext abhängige Einsprüche – Versuche, neue Perspektiven aufzureißen. So versteht man dank des hervorragenden begleitenden Essays die Intention hinter den unscharfen Fotografien bereits ikonischer Fotos des Politik- und Kulturbetriebes – dennoch bleibt der Effekt in dieser präsentierten Masse eher marginal. Man müsste sich mehr Zeit lassen, aber ist dafür nicht die Immer-Gleichheit zumindest dieses Verfremdungseffektes durch die Bildreihen am Ende vielleicht doch zu routiniert?

Die Idee an sich allerdings spricht an. Eine Unterscheidung zwischen abstrakter Kunst, genauer abstrahierender Kunst einerseits, wie sie hier praktiziert wird – Kunst die das Band zur Bildlichkeit aufrecht erhält, während sie gleichzeitig den Fetisch der tumben Gegenständlichkeit auflöst – und gegenstandsloser Kunst andererseits könnte sehr produktiv sein darin, das weite Feld der sogenannten abstrakten Kunst in anspruchsvolle Arbeiten und simple Kleckserei zu scheiden.

Das Werk Vollands selbst, das im Buch u.A. unter die Schlagworte Unschärfe, Neoexpressionismus, Montage, Fake, Zeichnungen und Begegnungen subsumiert wird, würde ich als eher durchwachsen bezeichnen. Da sind faszinierende Ideen dabei, die in der Umsetzung mit der Zeit gewöhnlich werden (siehe oben), da ist doch viel eher platter Agit-Prop, auch wirklich unschöner Antiamerikanismus auf Kindergartenniveau ist dabei. Auf der anderen Seite zeigt sich etwa in den Zeichnungen, dass hier einer arbeitet, der durchaus die fundierte künstlerische Basis gelegt hat. Nicht Abstraktion einerseits und politisieren andererseits, weil das Talent bzw. die Ausbildung zur klassischen Malerei fehlen würde, sondern weil Zustand von Welt und Kunst dazu drängen. Erfreulich, dass der Band selbst nicht in der Feier des Künstlers verharrt, sondern sich durchaus regelmäßig kritisch zum Werk positioniert. Gewissermaßen aufgegriffen wird dabei das Vollandsche Prinzip der Montage: Texte ganz unterschiedliche Autoren kommentieren und zögern auch nicht, einander zu widersprechen.

Es sind tatsächlich eher die weit über das Werk Vollands hinausgehenden Darlegungen, die dieses Buch nicht nur für Fans, sondern für Kunstfreunde überhaupt zu einer spannenden Lektüre machen. Da wird etwa das Konzept der Unschärfe klug in die Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eingeordnet, über Fotografie wird auf Malerei und Politik und sogar bis in die Literatur ausgegriffen. Eine hervorragende Aufbereitung des Lebenswerkes von Ernst Volland und letztlich auch der (vornehmlich deutschen) Zeit- und Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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