Endlich mal wieder ein Buch, das ich an einem Tag auslesen musste. Dabei beginnt Nada ein wenig durchwachsen. Der erste Teil, in dem sich Andrea vor allem in dem Haus ihrer Verwandten einlebt, hat erzählerische Längen. Laforet dürfte bewusst gewesen sein, dass die Reduktion der Erzählung auf die vier Wände des klaustrophobischen, von Unrat zugestellten Hauses, das ein Sammelsurium heruntergekommenre Figuren sowie ein Papagei bewohnen, nicht gänzlich trägt – entsprechend hastig versucht sie mittels langer, rein in Dialogform gehaltener Passagen, hier die zentralen Konflikte zu entfalten und weiterzukommen.

Dunkel-Violette Stadt

Weiter: Zum Hauptteil des Romans, in dem sich mit der den Verwandten abgerungenen Freiheit rund um das Haus Barcelona entfaltet. Nicht direkt im Kontrast: das Haus ist klein und staubig und grau, Barcelona ist groß und staubig und dunkelblau-violett. Denn wir erkunden es meist in den endlosen Stunden zwischen Abend und Nacht (Anlesetipp: Auftakt Teil 2: Die Kathedrale & Kapitel 18). Doch auch Barcelona ist eng, wie das Haus. Die gleichen bleischweren verkorksten zwischenmenschlichen Beziehungen überall: Wunden des Bürgerkriegs, Ballast der Franco-Diktatur.

Dass die übrigens ausgeklammert würde, wie einige Leser monieren, die wohl einen typischen historischen Roman erwartet haben, kann ich nicht bestätigen. Immer wieder scheinen Krieg und Friedhofsruhe der ersten Francojahre bildlich auf, etwa beim Betrachten der Schiffswracks im Hafen. Vor allem aber durchzieht die Diktatur die Beziehungen: Die der beiden Männer im Haus, Roman und Juan, die sich misstrauisch belauern, die ihre Frauen schlagen, und die doch selbst durchschaubar psychisch längst zu Grunde gerichtet sind. Roman, der Musiker, tötet sich, noch ehe ihn seine Frau aus Rache als Parteigänger der „Roten“ denunzieren kann. Und über allem schwebt die autoritäre Tante, die nach Ende des ersten Teiles in ein Kloster geht und das Haus sich selbst und dem endgültigen Verfall überlässt.

Doch auch Andreas Verhältnis zur Außenwelt ist von Anfang an beschädigt. Zur elitären Freundin Ena etwa, die wiederum ein gefährliches Spiel mit Roman beginnt, um ihre Mutter zu rächen, deren Liebe dieser einst enttäuschte. Hier zeigt sich exemplarisch, dass Nada, von den Schwächen des Auftakts abgesehen, wohlkomponiert ist. Anfangs Unverbundenes wird zusammengeführt, unerwartete, doch folgerichtige Wendungen runden den Text ab. So scheint es etwa im ersten Teil noch, als trage Juan als Maler seinen Teil zum Familieneinkommen bei, später stellt sich heraus, dass Gloria seine Bilder nicht Kunsthändlern, sondern Trödlern verkauft, und die Einnahmen selbst als ausgebuffte Glücksspielerin vermehrt.

Kein „Existenzialismus“

Der Verlag bewirbt Nada als „Existenzialistischen Roman“. Das ist er zum Glück nicht. Das Vorangegangene sollte es gezeigt haben: Niemand hier ist in diesem spätpubertären Sinne frei, den der Existenzialismus dem Beggriff angeheftet. Die Unfreiheit der Charaktere ist gesellschaftlich, und kann nicht qua Entscheidung abgeschüttelt werden (im Junk-Food-Philosophiebuch „Das Café der Existenzialisten wird gar lobend hervorgehoben, dass man noch im Vernichtungslager existenzialistisch „frei“ sei. Glückwunsch zu dieser Freiheit) – das zeigt Nada in einer Gratwanderung zwischen Realismus und Surrealismus. Auch Andrea „befreit“ sich zum Schluss nicht, sie bekommt dank ihrer reichen Freundin einen Job in der Madrid, im Herzen des Franco-Faschismus also. Sie steht, dank Studium und Beziehungen, besser da als zuvor. Doch die Schwere der Diktatur wird bleiben, die Abhängigkeiten im klientelistischen System werden nicht weniger.

Beeindruckend, dass es sich hier um den Debütroman einer Dreiundzwanzigjährigen handelt. Da ist wenig von jugendlicher Romantik, sei’s rosaroter oder schwarzer, da wird abgewogen, da werden keine Schuldigen gesucht, da spricht Literatur und nicht Ideologie. Das ist, wenn man Laforet unbedingt in die Nähe des Existenzialismus rücken möchte, deutlich erwachsener als das meiste, was Sartre literarisch fabriziert hat.

Anspruch ****

Ausführung *** 1/2

Bild: gemeinfrei

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