Der „erwachsene“ Ulysses

John Dos Passos‘ Manhattan Transfer könnte man als den erwachsenen Ulysses bezeichnen. Es übernimmt die narrativen Techniken, ohne an der gleichen Überladung und rein verspielten Selbstbezüglichkeit zu leiden. New York wird geradezu filmisch aufgefächert erzählt, in drei Teilen vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Die Schicksale einzelner Charaktere dienen als Generalbass, um die Stadt zum Klingen zu bringen. Dabei kreuzen sich hier und da Pfade, ohne dass das Ganze in solch strenger Weise verbunden wird wie etwa in Lampes Am Rande der Nacht oder gar Morrisons Jazz. Dennoch handelt es sich zweifelsohne um ein geschlossenes Werk, einen „echten“ Roman. Dazu tragen besonders die Geschichte vom Aufstieg George Baldwins & „Geschöpf“ Gus McNeal bei, sowie die der zum Romanauftakt geborenen Ellen Thatcher (die zum Schluss Baldwin heiratet) und des Jungen Herff, in dessen letztendlicher Flucht aus der Stadt, die so viele verschlungen hat, der Roman seinen treffenden Schlusspunkt findet. Ein Meisterwerk der Wort- und Kompositionskunst, das bitte endlich auch als englischsprachige Hörbuchausgabe erscheinen sollte – moderne Literatur verlangt geradezu danach gelesen UND gehört zu werden.
Die deutsche Hörbuchausgabe leidet leider an der Unmöglichkeit, den Sound von Manhattan Transfer vernünftig zu übertragen, sowie an zahlreichen Kürzungen. Viele Romane brauchen Kürzungen, dieser verträgt sie nicht.

2 Gedanken zu “Der „erwachsene“ Ulysses

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