Zu Toni Morrisons JAZZ – Besprechung in 2 Fassungen

Ich bitte alles hier gesagte unter Vorbehalt anzunehmen – ich habe Jazz mit sehr großen Erwartungen begonnen, und es gibt diese Texte, deren Rhythmus und Melodie sich erst nach mehrmaligem Lesen wirklich spüren lassen. Tatsächlich mildern sich die hier geschilderten negativen Eindrücke gegen Mitte des Buches ab, gegen Ende las sich Jazz regelrecht genial… ob das aber die Probleme aufhebt, die ich mit der ersten Hälfte hatte, wird sich frühestens bei zweiter Lektüre zeigen.
Es folgt eine Besprechung in 3 Stufen:
Entwickelt während Lektüre – Normalschrift. Reflexion nach einigen Tagen: kursiv. Kommentar nach Relektüre: Courier (folgt)

Große Erwartungen / Komplexe Anlage

Von diesem Roman habe ich bisher einen eher zwiespältigen Eindruck. Nachdem mein Morrison-Debüt Sula trotz einiger etwas romantischer Einschläge sehr zu begeistern vermochte und nach der Lektüre einiger Besprechungen, hatte ich von Jazz die mE berechtigte Hoffnung, eines dieser ganz großen Meisterwerke erwarten zu dürfen, bei denen wirklich alles stimmt. Müsste ich allerdings entscheiden, welchen Text ich direkt ein zweites Mal lesen, fiele die Wahl wohl auf Sula.

Es stimmt: Jazz ist nicht nur der wohl komplexeste Roman Morrisons, sondern wohl einer der komplexesten überhaupt. Die relativ einfache Geschichte (New York der Zwanzigerjahre, ein Mann ersticht seine jüngere Geliebte, die Frau attackiert auf der Beerdigung die Tote mit dem Messer) wird in den insgesamt 10 Kapiteln von immer neuen Seiten angepackt und aufgerollt. Jedes Kapitel wird von (grob gerechnet) einer Stimme dominiert, wobei all das durch eine Icherzählerin gefiltert wird, die über 90 % des Buches wie eine auktoriale Erzählerin agiert. Der Alltag der Figuren unmittelbar vor Mord und Beerdigung wird ebenso aufgearbeitet wie Kindheit und Jugend im tiefen Süden, einige Familienmitglieder, deren Leben dann sozusagen als Rede dritter Ordnung (JeneR erzählt, dieseR habe erzählt…) wiedergegeben wird, erweitern den Fokus des Romans noch einmal bis in die Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das ist hochambitioniert, und der Roman ist sauber auskomponiert: Die ersten drei oder vier Kapitel entfalten sich als Fortsetzungen eines einzelnen Gedankens („Sht, I know that woman…“ / „Or used to …“ / „Like that day in July, when…“), in späteren wird jeweils aus neuer Perspektive eine Idee oder ein Eindruck vom Schluss des vorangegangenen Kapitels wieder aufgegriffen. Das könnte eines dieser perfekten Bücher sein, das Buch, auf das ich gehofft habe, ein Roman an dem alles passt.

Zu dicht, zu gedrängt?

Aber: vielleicht passt es eben doch nicht. Ein wenig macht es auf mich den Eindruck, als würde da zu viel gewollt. Der Text ist dicht. Ungeheuer dicht.Newyorkcity1935

Die Masse an Charakteren, die nicht nur auftreten, sondern mit emotionalem Innenleben, Vergangenheit und Gedanken zum zentralen Vorfall ausgestattet werden wollen ist immens. Das hat den Effekt, dass Verbrechen und Folgen manchmal wirken wie ein relativ willkürliches Ereignis, an dem Lebensgeschichten aufgehängt werden. Und die sind so dicht ineinander gedrängt, dass sie am Leser praktisch vorbei rauschen. Kein Bild bleibt hängen, kein Charakter präsent, wenn man das Buch zwischenzeitlich schließt. Das ist in Ordnung, wenn man ein Werk konsequent auf Befremdlichkeit auslegt wie es etwa Thomas Pynchon tut. Doch bei Morrison beißen sich der Wille zum Naturalismus und der Wille zur radikalen Durchformung des Werks. Vielleicht wäre gerade in den ersten Kapiteln weniger mehr gewesen: Figuren, die auf so engem Raum wie in einem Schachspiel (oder wie es andere Besprechung des Romanes wollen, wie Stimmen in einem Musikstück) bewegt werden, könnten durchaus ein Mehr an Oberflächlichkeit gebrauchen. Andererseits: Nach vollständiger Lektüre bleibt viel zum hin und her wälzen. Und auch von den Figuren mehr, als anfangs erwartet…

Oberflächlichkeit: gerade damit erzeugte Morisson zB in Sula Tiefe. Die pulsierende Sprache der schillernden Beschreibungen, die messerschärfe der Dialoge, dass radikale Show don’t Tell stellt in Sula die Handlung als Bilder vor Augen, die man sacken lassen muss, die sich tief einprägen. So radikal modern Jazz auf den ersten Blick daherkommt, abseits der häufigen Zeit und Perspektivwechsel ist die Erzählung streckenweise recht traditionell gehalten. Hier wird viel mehr erklärt als in früheren Büchern der Autorin: Wie sich so eine Stadt anfühlt, wie es sich anfühlt, mit einer Art gespaltenen Persönlichkeit zu leben, usw. usf. Es wirkt ein wenig, als hätte Morisson, die zuvor in eher ländlichen Milieus schrieb, noch nicht wirklich die Sprache gefunden, um Sound und Rhythmus der Großstadt lebendig werden zu lassen, deshalb lässt sie Figuren ihre Stadtgefühle schildern (Morrison berichtet selbst von genau solchen Zweifeln im Vorwort, dass ich mir übrigens erst nach dem Roman vorgenommen habe – sie habe das Problem allerdings durch eine radikale Umgestaltung überwunden). Und klingt die Stadt, klingt sie grau, beengend, gehetzt und ein wenig generisch. (Es handelt sich offenkundig um New York City, dennoch spricht Jazz – auch generisch – stets von The City). Die graue Verdichtung ist offenkundig Absicht: Die starken Bilder, hier und da finden Sie nämlich ihren Platz – wenn die Autorin ihre Protagonisten gedanklich in ihre Herkunftorte zurückkehren lässt oder wenn Joe und Violett mit dem Zug aus dem Deep South in die Freiheit „tanzen“ – solches kontrastiert bewusst zur Stadt.

Die andere Stadt

Aber die andere Seite der Stadt, die Morrison offenkundig doch wichtig ist – oft genug wird DARÜBER geredet, das Befreiende, das Wilde, das Überschwängliche – die findet ihren Weg in die Sprache kaum.

(Oder: spät? Tatsächlich wandelte sich der oft geradezu nervige Eindruck, den ich von Jazz hatte so etwa ab Seite 120, um vielleicht ab 160 oder 170 einen vornehmlich positiven Platz zu machen. Das ist genau die Passage der längeren Rückblenden. Hier ist die Autorin in ihrem alten Element, doch: Das strahlt auch auf das neue Szenario aus. Wenn der Mörder Joe Trace, dessen geheimnisvolle Kindheit wir jetzt kennen gelernt haben, später durch die Stadt streift, den Mord zu begehen, von dem wir schon wissen, wenn das Opfer Dorcas ihre letzte Party feiert, dann ist er plötzlich doch da, dieser Sound, den Morrison gesucht hat: Diese treibende, pulsierende, doch melancholischen Musik… Lässt die sich bei neuerlicher Lektüre auch in die vorherigen Kapitel transportieren, ist es also mein Rezeptionsproblem? Oder fehlt dort nicht doch der Jazz in Jazz, ist dort nicht zuviel Grau ohne blaue Noten, zu viel, um einem unzeitgemäßen Begriff zu bemühen: Emo?)slavery1

Auch der Versuch der all zu runden Anlage über die „auktoriale Icherzählerin“ bekommt dem Roman (zumindest auf den ersten Blick) nicht: wie kann diese Person so tief in die anderen Charaktere hinein schauen? Woher weiß sie das alles? Eine Rahmenfiktion für einen Polyphonen Roman muss entweder perfekt begründet sein oder man lässt sie weg. Polyphonie rechtfertigt sich selbst über den Klang, über das Gefühl beim Lesen eine Einheit zu erleben, die sich nach und nach herstellt. Eine schwache Begründung erstickt die Entfaltung der Einzelstimmen unter deren Restriktionen und offenen Fragen. (Aber ist die Begründung schwach? Morrison wählt im Schlusskapitel die Option der Entführung von Autor und Erzähler, die Offenlegung der Probleme der Bearbeitung dieses komplexen Stoffes. Das ist nicht ganz neu und wirkt für gewöhnlich etwas billig. Allerdings ist das tatsächlich erzählerisch super kaltschnäuzig gelöst: Jazz lässt der „auktoriale Icherzählerin“ nicht das Schlusswort. Nachdem diese zugegeben hat, ihren Figuren Gefühle und Vergangenheiten erfunden zu haben, geht der Roman einfach weiter, klingt nach, schwingt aus und lässt die Fiktion noch über das Geständniss triumphieren… das überwältigt, so billig der Trick doch eigentlich ist…)

Der Jazz in Jazz

Jazz – der Titel wird regelmäßig darauf bezogen, dass der Roman wie ein Jazzstück komponiert sei. Das scheint mir fragwürdig: genau das improvisiert Forsche, das spielerische Moment, dass das Beste am Jazz ausmacht, kommt nicht recht zum Zuge. Jazz ließe sich eher wie Woolfs Mrs Dalloway mit einem vielfach fugierten klassischen Werk vergleichen. Allerdings fehlt Jazz ein wenig die Eleganz des Zweiteren. (Dabei bleibe ich mit den weiter oben gemachten Einschränkungen. Das muss letztendlich aber nicht zu negativ beurteilt werden: Die Konsequenz der Klassik mit der Coolness des Jazz zu kreuzen, das halte ich nicht nur literarisch für ein erstrebenswertes Unterfangen. Sollte man feststellen, dass das Morrison gelungen ist, würde es natürlich Ambitionen und Gegenstand voll gerecht)

Gemessen an den Ansprüchen, die andere Romane von Morrison und die Kritik an Jazz geweckt haben, hat mich das Werk phasenweise enttäuscht. Ein faszinierender Versuch eines großen Wurfes, eines Romans der Romane, ist es dennoch. Ab der zweiten Hälfte kommt zunehmend echte Begeisterung auf, die dann auch den vielleicht doch überfrachteten Auftakt versöhnlicher sehen lässt. Daran wird noch zu knabbern sein. Morrisons „City“ wirkt nicht von den ersten Seiten an so lebendig, wie etwa Dos Passos New York aus Manhattan Transfer, und das Geflecht der Charaktäre erwacht nicht ähnlich eindringlich zum Leben wie in Wollfs Mrs Dalloway oder To the Lighthouse – drei absolute Jahrhundertromane, die vielleicht am ehesten taugen um dieses ambitionierte Werk an ihnen zu messen. Auf der anderen Seite will Jazz, was die Substanz des Erzählten betrifft, eben noch deutlich über die unverbundenen kleinen Geschichten von Manhattan Transfer und das im Großen und Ganzen doch bürgerlich begrenzte Sittenbild von Mrs Dalloway oder To the Lighthouse hinaus. Es ist folgerichtig, dass ein solches Werk nicht in der gleichen Weise wohl durchformt sein kann. Schon Lighthouse war ja durchaus Rustikaler als Dalloway. Die Frage ist: Ist Jazz‚ Rustikalität bewusst und gelungen, oder erstickt die Konstruktion nicht doch einige der besten Absichten Morrisons…?

BILD: [Portrait of Dizzy Gillespie, Mary Lou Williams, Tadd Dameron, Hank Jones, Milt Orent, Dixie Bailey, and Jack Teagarden, Mary Lou Williams‘ apartment, New York, N.Y., ca. Aug. 1947] (LOC) – gemeinfrei.

Weitere Bilder: gemeinfrei

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