Ich habe ja schon in einigen Texten dargelegt, dass man die Romane von Thomas Pynchon wohl am besten in Analogie zu Kompositionsverfahren avancierter Musik begreift. Charaktere sind weniger die runden, immer psychologisch grundierbaren Individuen der hochbürgerlichen Vorstellungswelt als Themen, Motive, die angeschlagen werden und den Text als Sprachkunstwerk formen ohne in der gleichen Weise präsent zu bleiben wie etwa Manns Naphta oder Dickens Micawber. Dafür lassen sich literarisch wie gesellschaftlich gute Gründe anführen.

Die Notwendigkeit der Moderne

Gesellschaftlich: Die bürgerliche Figurenpsychologie scheitert vor den geworfenen, durchflexibilisierten Einzelnen, denen der Individualismus nur noch wie ein Schatten, eine Idee anhaftet, der man mittels eines Sammelsurium von Massenwaren (Moden) verzweifelt Kontur zu verleihen sucht. „Ich bin ein Individuum!“ schreien sie, und werfen sich jeweils in die gleichen, eher einfallslos variierten Uniformen. Und: Dass, was man auch tut, die Maschine stärker ist als der Einzelne war auch schon zu Thomas Manns Zeiten die Erfahrung der meisten, sie konnte sich nur noch nicht so artikulieren – darin liegt die Berechtigung moderner Rückprojektionen wie u.a. bei Pynchon.

Literarisch: Die Stofffülle des „globalisierten Romans“ lässt sich kaum mit klassischen Charakteren bewältigen, die zudem, siehe oben, fehl am Platze wären. Das vollends durchgearbeitet Kunstwerk kann nicht an der idealistischen Erwartung des Lesers kleben, darin simulierte Menschen zu finden, die zudem den durchschnittlichen Leser, ob Professor oder Arbeiter, an Geist und Sinn weit voraus sind. So gilt denn auch was bisher über Pynchon gesagt wurde streng genommen für das Gros der modernen Romane. Von Gibson über Rushdie bis Sorokin. Die Alternative (und nicht die schlechteste) ist die strenge Reduktion des Settings auf eng umgrenzte Orte. Kondensation statt Breite – doch auch hier wird man auf ähnliche Erzähltechniken stoßen – siehe zB Llosa, Machfus, Marquez.

Aber Pynchon ist doch noch einmal ganz anders, als die anderen Modernen, nicht? Bei Rushdie, Roy, Gaddis, DeLillo bleibt am Ende doch wieder eine Welt zurück, die man zu fühlen, riechen, schmecken können glaubt. Bei Pynchon? Kaum…

Der Oberflächliche?

Ich denke, langsam steige ich durch, warum. Denn es stimmt ja nicht, dass Pynchon in seine Charaktere weniger Worte, weniger Hintergrundgeschichte, weniger Emotionen investiert als andere Autoren (Mason&Dixon ist sprachlich sogar im Sinne der Originalhandschriften Masons stilisiert). Wer will findet 1000 einzelne Textbeispiele, die gegen die verbreitete These der flachen Charaktere bei Pynchon sprechen. Überhaupt beschreibt Pynchon viel, er geht ungeheuer ins Detail, auch seine Nebenfiguren werden oft mit umfangreichen Geschichten und Motivationen ausgestattet. Keine einzelne Textstelle ließe sich herausgreifen um zu zeigen: Da sieht man es! Der Pynchon ist total oberflächlich! Und doch nimmt man ihn im Großen zurecht so war … !?

Folgende Gründe:

1) Pynchon ist sprachlich tatsächlich „schwer“. Nicht in der Art etwa wie Joyce, dass er beinahe eine Privatsprache erschaffen würde, nicht einmal indem er lange und unübersichtliche Sätze schriebe. Aber das Vokabular ist gewaltig, die Wortwahl oft ungewöhnlich, und man muss höllisch aufpassen um immer mit zu bekommen wer jetzt eigentlich gerade erzählt.

2) Dazu kommt das ungeheure Detailreichtum. Selbst ein Joyce lässt sich gewissermaßen durchfliegen, man kann sich vom Sog der Sprache mitreißen lassen. Bei Pynchon könnte jedes Detail wichtig sein, aber die Fülle signalisiert gleichzeitig dem Kopf, dass er eigentlich abschalten könne. Hinzu kommen all die Absurditäten, die schrägen Lieder, usw, usf. Man bewegt sich auf einem Hindernisparcours der gleichzeitig äußerste Konzentration verlangt und ständig die Frage aufwirft, ob die nicht an diesen Text total verschwendet sei. Wer Pynchon liest hat, so meine Erfahrung, tatsächlich das Gefühl etwas Außergewöhnliches zu leisten – ohne dass ein Sinn dieser Leistung (und sei es wenigstens der Gewinn von Erkenntnis oder das Anregen tiefer Gedanken zu etwas anderem als Pynchon) ersichtlich wäre.

3) Pynchons Romane sind scheißlang! Gravity’s Rainbow hat über 700 Seiten, aber mit mehr als 3000 Zeichen pro Seite. Der Effekt: man kommt in diesem scheinbar noch halbwegs schlanken Roman unglaublich langsam voran. Nur wer das ganze tatsächlich mal durchrechnet stellt fest, dass er gerade ein Buch liest, das länger ist als der längste Dostojewski. Das verstärkt den unter 2) beschriebenen Effekt natürlich noch einmal heftig. Und es ist nicht so, dass man ohne weiteres sagen könnte: da gehört einiges gekürzt, wie man das wohl für 99 % der heutigen Romane könnte. Denn alles ist gleich wichtig. Oder gleich unwichtig. Siehe oben.

Zur Meditation geprügelt

Pynchon prügelt mit seinen Texten den Leser gewissermaßen zur Meditation. Die Welten, die er schaft, sind solche reiner Sprachlichkeit – und dabei keine angenehmen. Man fühlt sich in Dos Passos Manhattan, in Döblins Berlin, sogar noch in Tolkiens Mittelerde oder Gibsons Sprawl zumindest an einer Art familiärem Ort. Nicht so bei Pynchon. Sein Amerika des 18. Jahrhunderts, sein Europa des Zweiten Weltkriegs, sein Kalifornien der Siebziger, sie fühlen sich fremd an und zerbrechlich, als ob sie verschwänden, sobald man den Roman schließt. Um noch einmal den Vergleich mit der Musik zu bemühen: Während die klassische Moderne und der Großteil der bis heute so genannten „Postmoderne“, die kaum anderes ist als die Fortsetzung der Moderne unter einem hipperen Namen, nichts als eine nachholende Modernisierung darstellt (die literarische Komposition wird halbwegs auf die Höhe der klassischen Musik gebracht, der Roman besteht aus einer Reihe von idealerweise frühzeitig exponierten Themen, die dann durchgeführt werden, besonders gut nachzuvollziehbar etwa anhand von Rushdies Die Satanischen Verse), steht Pynchons Verfahren der Neuen Musik näher. Komposition nach einem selbst gewählten Regelsystem ohne die Anlehnung an Konvention, gewachsene Systeme und Rezeption. Serialität. Die Auflösung selbst noch der Illusion, man könne ein Werk mit einem Mal und ohne akribische Analyse als Ganzes reflektiert in sich aufnehmen (ein Argument gegen die Neue Musik: All diese Tricks ließen sich ja gar nicht bewusst rezipieren – die kritische Theorie zeigte dagegen, dass auch beim klassischen Werk nur ein Bruchteil des Gehörten tatsächlich bewusst verarbeitet wird).

Man kann die Analogie sicher überstrapazieren, doch ich denke sie hilft zu verstehen warum Pynchon einerseits eine durchaus befriedigende und anregende Lektüre ermöglicht, andererseits ständig dieses What-The- Fuck-Gefühl hinterlässt. Es sind nicht (oder kaum) die schrägen Inhalte, inhaltlich gibt es sicher absurdere Autoren. Es ist die Form: Pynchon ist tatsächlich, obwohl er sich an der Oberfläche viel „normaler“ liest als sagen wir ein Joyce, ein Faulkner, ein Arno Schmidt oder ein Peter Kurzeck, anders als alle anderen Schriftsteller, die mir bekannt sind. Und das ist alles, was hier gesagt sein soll. Anders heißt nicht besser – in der Top 10 der gelungensten modernen Romane hat kein Werk Pynchons für mich einen Platz. Aber trotz all der Schwierigkeiten, die sein Werk bereitet, habe ich nun zumindest jeden der großen Romane mindestens zweimal gelesen – und das ist schon erstaunlich. Dann warum sollte man das tun!? Ich hoffe dieser Text hilft dem ein oder anderen, der sich schon einmal dieselbe Frage gestellt hat, der ähnliche literarisch-masochistische Neigungen hegt, hinter die Gründe zu steigen.

Bild: Nicholas A. Tonelli, Past-Peak Color. Gemeinfrei

 

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