Realismus und Fantasik: Falsche Feinde

In der Welt ist vor einiger Zeit ein Artikel erschienen, der großmundig versucht, für Fantasy zu werben. Vor dem Hintergrund meiner Fantastischen Reise finde ich den wenig überzeugend: Er verfestigt vor allem die falsche Dichotomie von realistischer Echtwelt-Literatur und nicht realistischer Halb-/Anderwelt-Literatur.

Es schockt ja kaum noch, dass ein Literaturredakteur übersieht, dass spätestens seit Joyce eigentlich alle Literatur, die es verdient „modern“ genannt zu werden nichtrealistische und dabei meist (aber nicht immer) zugleich nichtfantastische war. Vor allem sieht er auch die Möglichkeit „realistischer“ fantastischer Literatur nicht und verpasst damit (nebenbei gesagt) den Gegenstand meines Artikels im European: Die Tendenz zum „fantastischen Naturalismus“ der im Erfolg von GOT kulminiert (aber schon mit Harry Potter ganz groß wurde und in vielen RPGs angelegt ist):

Texte die stilistisch, strukturell und in ihrer Art sich auf die vermittelten Inhalte zu beziehen gerade damit zu protzen versuchen, schonungslose Realität abzubilden. Texte, die, was Ihr Verständnis von Literatur betrifft, eins zu eins aus dem 19. Jahrhundert herübergebeamt sein könnten. Hätte der Autor ein Auge dafür, er müsste eingestehen, dass wohl eher nicht „die Gruppe 47, die seit ’47 mit der Wucht eines alten Patriarchen unseren Literaturbegriff verengt, die deutsche Literatur immer noch mit ihrem Realismusdiktat belastet und die offiziell längst abgeschaffte Trennung zwischen U und E klammheimlich aufrechterhält“ an HP, GOT und den Nacheiferern „schuld“ ist, sondern ein Weltzusammenhang der praktische Vernunft so über alles stellt, dass auch die „fantastischste“ Fiktion für die Massen den Regeln eines Großraumbüros zu gehorchen hat.

Für den Welt-Autor ist nun Literatur wieder so etwas ähnliches wie ein Wandschrank. Etwas bei dem ich frage: was ist drin? Obst oder Drachen? Und wenn es Obst ist, ist es ein normaler Schrank, sonst ein fantastischer. Dass auch Obst dezidiert antirealistisch präsentiert werden kann ohne dass man von Fantastik reden muss, wird verdrängt.

Als Merksatz: „Fantastisch“ und „Realistisch“ (besser: „naturalistisch“) taugen nicht als Gegensätze, weil ersteres primär auf Inhalte abziehlt, zweiteres auf Form.

Bild: The Fire Dragon. johanferreira15 CC BY 2.0

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