Ishiguros „Der begrabene Riese“

Das größte Problem, das Ishiguros Der begrabene Riese hat, ist die unglaublich altbackene Anlage. Denn der Autor stellt sich eine doppelt schwierige Aufgabe: Aus einer Zeit zu berichten, die das moderne, klar umrissene Ich nicht kennt und die zudem von einem geheimnisvollen Nebel heimgesucht unter weitreichender Vergesslichkeit leidet.

Kaum eine größere Unmöglichkeit ist denkbar, als eine solche Situation mit dem in Stein gemeißelten Was-Passiert-Als-Nächstes Ishiguros zu greifen, dem übrigens auch eine stockkonservative Sprachgestaltung korrespondiert.

Der Vormodernde, könnte eine Lehre sein, kann man, einmal von ihr abgeschnitten, nur radikal modern auf den Leib rücken.

Überhaupt, die Sprache. Dass zahlreiche deutsche Rezensionen jener herausragende Schönheit bescheinigen, lässt sich nur über den fortschreitenden Verfall jeglichen nicht rein handlungstreibenden Spracheinsatzes in massenmarktkompatibeler Literatur erklären. Die deutsche Übersetzung liest sich ganz gut, wenn auch quälend langsam. Vor allem das Ausbuchstabieren jedes einzelnen Gesprächs und Gedankens nervt (der Roman könnte gut auf die Hälfte zusammengestrichen werdem). Weit entfernt ist er aber von solch sprachlicher Konsequenz, in der am Ende jedes Wort da und nur da zu stehen haben scheint, wie man sie in unterschiedlichsten Registern bei Woolf, Schmidt, Carpentier, Gibson oder auch Jünger findet.

Dass Der begrabene Riese dennoch zu den besseren neueren fantastischen Romanen gehört liegt an der Charakterzeichnung und der klugen Fabel. Genauer: an fehlender Charakterzeichnung.

Denn noch die am individuellsten wirkenden Protagonisten finden sich schließlich derart auf Allegorisches zurückgeworfen, dass sie darin geradezu vergehen. Arturische und sächsische Recken, Fährleute, Mönche usw. sind derweil gänzlich „Figuren“ im Wortsinne, Gelenkte eines größeren Spiels. Dieses treibt auf einen ernsthaft berührenden, dabei als unvermeidlich genuin tragischen Höhepunkt mit melancholischem Nachspiel zu, deren Inhalte hier nicht enthüllt werden sollen. Ja, wäre die ganze Sache sprachlich/kompositorisch besser modelliert, hier wäre tatsächlich eine Perle auszugraben.

So allerdings ist kaum nachzuvollziehen, dass Ishiguros Ausflug in die Fantastik im englischen Sprachraum so kontrovers diskutiert, hier derart in den Himmel gelobt wurde. Ein Meisterwerk, in dem ein „ernsthafter“ Autor mal so eben das Genre neu definiert ist Der begrabene Riese sicher nicht. Aber eben auch ein schlechter Ansatzpunkt um Autoren generell von Reisen in „kindische“ fantastische Welten abzuraten. Wahrscheinlich hat Alessandra Reß recht und der Roman hat ein Zielgruppenproblem: „Ishiguro-Fans zu fantasylastig und Fantasylesern zu Ishiguro.“ Und das Feuilleton lobt dann über den grünen Klee, um nicht gleichsam banausisch dazustehen.

Bild: Norsk bokmål von Tommy Gildseth unter CC-BY-4.0, zugeschnitten.

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