Bingen in der Weltliteratur II

Die folgende Passage habe ich auf Seite 325 von W.G. Sebalds Austerlitz entdeckt. Der Autor erinnert ein wenig an einen sanften Bernhard, auch wenn die Wut fehlt ähneln sich Bernhards reife Texte und Austerlitz stark in der Komposition, teils der Diktion. Fingierte Mündlichkeit, darin ein einfaches Gespräch zwischen zwei Personen doppelbödig wird, Endlossätze die einen Gegenstand umkreisen ohne ihn letztlich ganz einfangen. Dazu österreichische Regionalismen und im Fall von Sebald eindringliche Beobachtungen zu tierischen und menschlichen ‚Naturphänomenen‘, etwa in der Beschreibung der absurden Auswüchse des Festungsbaus oder der Schattenökonomie, die sich in den verwinkelten Gängen des Brüsseler Justizpalastes entwickelt habe. Und hier ist das Rheintal:

„Ja und dann, fuhr Austerlitz fort, irgendwo hinter Frankfint, als ich zum zweitenmal in meinem Leben einbog insging mir beim Anblick des Mäuseturms im sogenannten Binger Loch mit absoluter Gewissheit, weshalb mir der Turm im Stausee von Vyrnwy immer so unheimlich gewesen war. Ich konnte nun meine Augen nicht mehr abwenden von dem in der Dämmerung schwer dahinfließenden Strom, von den Lastkähnen, die, anscheinend bewegungslos, bis zur Bordkante im Wasser lagen, von den Bäumen und Büschen am anderen Ufer, dem feinen gestrichelte Rebgärten, den deutlicheren Querlinien der Stützmauern, den schiefergrauen Felsen und den Schluchten, die seitwärts hineínführten in ein, wie ich mir dachte, vorgeschichtliches und unerschlosscnes Reich. Während ich noch im Bann war dieser für mich, sagte Austerlitz, tatsächlich mythologischen Landschaft, brach die untergehende Sonne durch die Wolken, erfüllte das ganze Tal mit ihrem Glanz und überstrahlte die jenseitigen Höhen, auf denen, an der Stelle, die wir gerade passierten, drei riesige Schlote in den Himmel hinaufragten, so als sei das östliche Ufergebirge in seiner Gesamtheit ausgehöhlt und nur die äußere Tarnung einer unterirdisch über viele Quadratmeilen sich erstreckenden Produktionsstätte. Man weiß ja, sagte Austerlitz, wenn man durch das Rheintal fährt, kaum, in welcher Epoche man sich befindet. Sogar von den Burgen, die hoch über dem Strom stehen und die so sonderbare, irgendwie unechte Namen tragen wie Reichenstein, Ehrenfels oder Stahleck, kann man, wenn man sie von der Bahn aussieht, nicht sagen, ob sie aus dem Mittelalter stammen oder erst gebaut wurden von Industriebaronen im letzten Jahrhundert (…).“

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