Weizsäckers Die Einheit der Natur

Bei meiner gesamten Lektüre von Carl Friedrich von Weizsäckers Die Einheit der Natur gelang es mir nicht, Hilbertraum anders als Hilber-Traum zu lesen, und dabei unwillkürlich Himbertraum zu denken und Lust auf Eis zu bekommen. Aber das nur nebenbei. Ich möchte versuchen das erkenntnistheoretische Gedankengebäude Weizsäckers in äußerster Kürze hier zu skizzieren, auch um es mir selbst für jetzt und später zu vergegenwärtigen.

Weizsäcker versucht in aufsteigenden Spiralebewegungen zu zeigen, warum es auch und gerade in quantenphysikalischer Betrachtung sinnvoll und sogar richtig sei, die Welt vom Geist, von der platonischen Idee her, von der Struktur zu denken, oder: Warum aus der prinzipiellen Überzeugung, dass ein unbedingter Physikalismus in der Welt der Erfahrung möglich sei keine Antworten auf die Fragen nach dem „was“ der Erfahrung folgen. Darüber hinaus zeigt er, dass die so genannte Wahrheit der Erfahrung selbst viel mehr ideeller Natur als atomistischen Reduktionen zugänglich sei.

Ganz Kantianer und gleichzeitig in der Folge von Niels Bohr ist Weizsäcker, wenn er darauf beharrt, dass auch noch der poppersche Positivismus das nur verleugne, nicht entkräfte: Ohne Ideen (Platon) oder Kategorien (Kant) sei reine Mannigfaltigkeit ohne Hoffnung auf jegliche Synthese. Und rein Nominalistisch, da folgt er u.a. übrigens Russel, sei die Genese von Ideen nicht herleitbar.

Wann immer ich von Naturgesetzen ausgehe oder auf solche schließe, so Weizsäcker, gehe ich über den reinen Empirismus heraus. Die positivistische Rede von Hypothesen, die sich nur falsifizieren ließen, sei dabei Augenwischerei, zumal eine streng logische Falsifikation ebenso wenig möglich sei wie Verifikation. Denn wer falsifiziert zeigt Beispiele auf, wo eine Theorie nicht funktioniert, wie sie sollte. Über so etwas stolpert man nicht, ohne Bedingungen des „Sollen“ vorauszusetzen. Nur wo von Ordnung ausgegangen wird, kann eine funktionale Beschreibung der Regeln der Ordnung erkannt werden.

Diese Ordnung ist praktisch immer wirkmächtig, wo Wissenschaft betrieben wird, auch der Wissenschaftler, der aus Angst vor Theologieverdacht gar nicht mehr vor Naturgesetzen zu sprechen wagt, kommt da nicht vorbei.

Weizsäckers erkenntnistheoretische Besonderheit ist dabei sicherlich die Rückführung der Sicherheit von Erkenntnis auf die Ebene der nicht mehr ohne weiteres erfahrbaren Welt der Quantenphysik, und damit auf das ganz reale Messproblem der Unschärferelation – allerdings bleibt die Frage, ob er hier nicht das Problem der Subjektobjektspaltung einfach noch einmal verlagert – auf der anderen Seite lässt Weizsäcker allen Absichtserklärungen zum Trotz die klassische Subjektobjektspaltung als Kommunikationsproblem bestehen (und damit kommt er denke ich der sagbaren Wahrheit über erkenntnistheoretische Grundfragen sehr nah) indem er die Kantschen Anschauungen als produktive/historisch/psychologisch Gewordene, aber dennoch für die menschliche Wahrnehmung determinierend begreift. Man steht mit Weizsäcker nun also vor dem doppelten Problem, dass man über Relativitätstheorie und Quantenphysik obwohl es notwendig wäre, nicht anders sprechen kann, und wohl nie können wird, als in kantschen Begriffen, ohne dass man zuvor zumindest den klassischen „Leib-Seele-Dualismus“ sauber ausgeräumt hätte.

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