Endlich mal: Eindrücke vom Expo-Faust

Nach Jahren nun einmal die Expo-Inszenierung des zweiten Faust von Peter Stein gesehen. Alles in allem nicht so schlimm wie die vernichtenden Kritiken befürchten ließen. Natürlich muss man erstmal den gleichzeitig auf Ecstasy & Valium gesetzten Ariel in der anmutigen Gegend überstehen. Sicher, unter theaterkritischen Gesichtspunkten trifft fast alles hier aufgeführte zu. Aber soll man das irrsinnige Steinprojekt der wortwörtlichen Komplettinszenierung überhaupt als Theater auffassen? Ich denke, es ist mehr ein illustriertes Hörbuch und als solches ist es für den textkundigem Hörer schon mangels Konkurrenz nicht ganz uninteressant. Denn Stein interpretiert praktisch nicht, seine Schauspieler malen in Kostüm und Geste Bilder zu dem, was sowieso schon im Text steht.

Video: Ariel auf verschiedenen Drogen

Nervig wird es, wenn man damit zurecht kommt, vor allem wo das nicht stringent durchgezogen wird, wo doch deutliche Auslegungen stattfinden. Ebenso, wo offenkundig falsch illustriert wird. So geht dann etwa der Mix aus quasi naturalistischen und stilisierten Kostümen in der klassischen Walpurgisnacht gar nicht. Wenn Sphinx und Greife aufwändig als organische Fabelwesen gemalt werden ist Chiron als Mann mit Anhänger, auf dem Faust reitet wie das Kind auf dem Bobbycar, doppelter Unfug. Dass Paris tatsächlich als relativ junger Knabe, Helena aber als reife Frau dargestellt wird, mag man noch gerade so durchgehen lassen, obwohl sich mir nicht erschließt warum im Mann tatsächlich das Lustobjekt, in der schönsten Frau aber eher so etwas wie geistig- herrschaftliche Schönheit inszeniert werden. Leider akzentuiert Stein dann auch noch seine Helena aufs Schlechteste, indem bei ihr besonders häufig das Bild nicht zum Gesagten passt. Folgendes etwa stört mich noch wenig

Das, was es dort an Lebendigkeit gibt: den Wechselgesang, die tänzerischen Bewegungen oder das Umhergehen, erlebe ich meist (nicht immer) als künstlich, als zu gespielt (freilich auf hohem Niveau), als „unmotiviert“: An vielen Stellen wird mir nicht klar, warum jemand geht und warum er dorthin geht, wohin er geht. Es scheint, als ob Stein fürchtet, daß der Text allein nicht reicht und daß sich deshalb da auf der Bühne was bewegen muß. “

Wenn Helena aber etwas sagt wie „ich trete zwischen euch“ und genau dann keine Anstalten macht das auch zu tun, wird die Sache unfreiwillig komisch.

Überhaupt, unfreiwillig komisch. Alle Schwächen des Stückes verblassen vor Bruno Ganz mit Sicherheit unvergesslichem Faust. So leiernd, zögerlich, dann wieder jaulend, so neben sich stehend und die Szenerie betrachtend und kommentierend als hätte man einen verblüfften Alten direkt aus der Seniorenresidenz auf die Theaterbühne verfrachtet, wurde wohl noch kein Faust gegeben. Das soll kein billiges sich Amüsieren über Ganz Alter sein (er war damals gerade mal 59). Diese Art der Verkörperung scheint Absicht:

Bruno Ganz spielt virtuos, aber zu sehr: Schon nach den ersten Versen des Eingangsmonologs wird Ganz´s manieriertes Spiel ziemlich vorhersehbar und redundant. Man hat den Eindruck, ins Puppenspiel versetzt zu sein. Es mutet an wie eine Faust-Karikatur. Viele Betonungen, Dehnungen aber auch Retardierungen und Zäsuren sind künstlich und unmotiviert. (…) Natürlich kann man Faust so verstehen und darstellen: hölzern, ekelhaft und schmierig, wie Stein seine Intention in der Probendokumentation verrät. “

Auch wenn man den Maßstab des illustrierten Hörbuches angelegt unerträglich. Ein von vorne bis hinten falsches Bild zum Text:

„Bei der Faust-Figur kommt es darauf an, sie so darzustellen, daß sie selbst in ihrer Pathologie noch Züge von Souveränität und Stärke hat: die Pointe liegt ja gerade darin, dass auch überdurchschnittliche, „starke“, intelligente und intellektuelle Menschen an ihrer Beschränktheit und Unreflektiertheit scheitern können. Der Faust der Stein-Inszenierung ist keine schillernde Figur, an der Stärken und Größe des Menschlichen zugleich mit seinen Grenzen und mit seinen Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutlich werden. Stein und Ganz geben dem Text keine Chance, selbst zum Vorschein kommen zu lassen, was in ihm von dem Abgeschmackten, Gestörten, Fragwürdigen, Beschränkten, ja vielleicht Abseitigen des Faustischen angelegt ist.“

Zum Glück gibt’s zum ersten Faust die Gründgens-Inszenierung, im Zweiten hat Faust ja nur wenige Sprechrollen. Alles in allem bleibt das Steinsche Werk dennoch sehen- und vor allem hörenswert, selbst, wäre der Gründgens-Faust im zweiten Teil nicht auf 3 Stunden zusammengekürzt worden, fiele die Entscheidung schwer. Vor allem, weil Gründgens zwar den Schalk, den weltlichen Teufel, meisterhaft kann, die gediegen-hässliche Phorykade dagegen überhaupt nicht und auch den weltumspannenden Mephisto des ersten, zweiten und fünften Aktes nicht wirklich. Also: ruhig mal anschauen, vielleicht auch nur hören, und bitte bitte bei Ganz nicht hieran denken.

Sonst lacht man die ganzen 8 Stunden durch…

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