Wieder gelesen: Die satanischen Verse

Was bleibt vom Roman
hinter Fatwa, Verfolgung und Hype?

Vor dem Wiederlesen von Rushdies Die satanischen Verse beschleicht mich eine gewisse Unsicherheit, wie bei noch einigen anderen Texten, die man einst einerseits wegen ihrer ungewöhnlichen, ein konservatives Verständnis von Literatur provozierenden Struktur, andererseits in erster Linie aber doch wegen der augenscheinlich darin vertretenen Positionen, denen man selbst zugeneigt war, gut fand. Ideologische Schlagworte wie „Postkolonialismus“ und und „kulturelle Hybridität“ kommen in den Sinn. Die gerne gelobte strukturelle Anlage solcher Texte ist dem so orientierten Leser womöglich sogar eher nur Beiwerk und dem postkolonialen Habitus zuzuschlagen. „Wilde Fabulierkunst“, „produktives Chaos“ et cetera – in der Begeisterung für Marquez, Llosa, Bolano & Co schwingt regelmäßig eine gehörige Portion Missverständnis und vielleicht einiges an unfreiwilliger Exotisierung mit.

Wiederlesend stellt sich die Frage: Sind diese Texte wirklich gut? Sind strukturelle Phänomene aus dem Gegenstand begründbar? Oder bin ich eher einem Hype aufgesessen, der geschickt an den Widerspruchsgeist junger Menschen andockt? Bei Rushdie ist diese Unsicherheit sogar besonders geboten, wurde doch der Autor nach Fatwa, Verfolgung, Exil und Versteck von links wie von rechts von Menschen in den Himmel gehoben, die wahrscheinlich kaum einen längeren Blick in sein Werk riskiert haben. Etwa polemisiert Rushdie, soweit vorzugreifen sei erlaubt, in Die satanischen Verse gegen linke politische Korrektheit und Sprachhygiene ebenso mit spitzer Feder, wie gegen die „das wird man wohl noch sagen dürfen“ – Fraktion, die sich gegen „Neusprech“ einsetzt, die Neutralität der Bezeichnung „Neger“ hoch hält, und doch in der Regel nur ungestört und unwidersprochen Menschen beleidigen möchte. Hier Die satanischen Verse z.B. zum Dogma, es gebe keinen Rassismus der Subalterne und zur Instrumentalisierung der Kritik:

“Many of you [says Bhupen Ghandi] in Britain speak of victimization. Well. I have not been there, I don’t know your situation, but in my personal experience I have never been able to feel comfortable about being described as a victim. In class terms, obviously, I am not. Even speaking culturally, you find here all the bigotries, all the procedures associated with oppressor groups. So while many Indians are undoubtedly oppressed, I don’t think any of us are entitled to lay claim to such a glamorous position.”
“Trouble with Bhupen’s radical critiques,” Zeeny had remarked, “is that reactionaries like Salad baba here just love to lap them up.”

***

Die Unsicherheit vor dem Wiederlesen also. Wird das Werk den Erwartungen und der vergangenen Erfahrung gerecht? Und dann der Blick ins Buch, der Sie in diesem Fall rasch und ebenso gründlich vom Tisch wischt:

„”To be born again,” sang Gibreel Farishta tumbling from the heavens, “first you have to die. Hoji! Hoji! To land upon the bosomy earth, first one needs to fly. Tat-taa! Taka-thun! How to ever smile again, if first you won’t cry? How to win the darling’s love, mister, without a sigh? Baba, if you want to get born again . . .” Just before dawn one winter’s morning, New Year’s Day or thereabouts, two real, full-grown, living men fell from a great height, twenty-nine thousand and two feet, towards the English Channel, without benefit of parachutes or wings, out of a clear sky.

(…),

“O, my shoes are Japanese,” Gibreel sang, translating the old song into English in semi-conscious deference to the uprushing host-nation, “These trousers English, if you please. On my head, red Russian hat; my heart’s Indian for all that.” The clouds were bubbling up towards them, and perhaps it was on account of that great mystification of cumulus and cumulo-nimbus, the mighty rolling thunderheads standing like hammers in the dawn, or perhaps it was the singing (the one busy performing, the other booing the performance), or their blast–delirium that spared them full foreknowledge of the imminent . . . but for whatever reason, the two men, Gibreelsaladin Farishtachamcha, condemned to this endless but also ending angelic devilish fall, did not become aware of the moment at which the processes of their transmutation began. “

Der Schauspieler Gibreel Farishta und der Synchronsprecher Salahudin Chamcha stürzen im ersten Kapitel aus einem von Terroristen gesprengten Jumbojet, sinnigerweise “Bostan” genannt nach einem der beiden islamischen Paradiese. Während sie ungebremst gen Erde fallen reißt Rushdie in einem durchweg im oben zitierten Sprachmischmasch gehaltenen, teils lyrischen, Dialog mit Rück- und Vorblenden in innerem Monolog zahlreiche Themen des Romans an, lässt Leitmotive aufblitzen und verschwinden und macht den Leser mit seinem „magischen Realismus“ vertraut, in dem real Übersinnliches (oder von einer gemeinsamen Psychose getragenes?) Geschehen gleichzeitig metaphorische Schlaglichter setzt. Unverkennbar: Es handelt sich hierbei um eine Exposition im stärksten Wortsinn, analog zur musikalischen, deren Haupt und Nebenthemen dann in vielfacher Weise „durchgeführt“ werden, wie es im Blog unter anderem bereits für Pynchon gezeigt wurde.

Und so fulminant wie es begonnen hat geht Die satanischen Verse weiter. Der zentrale Plot und die wo möglich nur von Gibreel geträumten, und später zu Filmen verarbeiteten Nebenlinien, darunter die Mahound-Plotline auf die sich die Todesdrohungen gegen Rushdie beriefen (näheres zu Inhalt und Rezeption sehr ausführlich hier) , kommentieren sich geschickt wechselseitig, durchdringen sich insbesondere durch parallel angelegte oder in verschiedenen Linien auftauchende Charaktere und eine komplexe Namenssymbolik, wirken dabei jedoch nie aufgesetzt, als sei die Komplexität weniger dem Roman als der Demonstration der Gewitztheit des Schriftstellers geschuldet. Die Behauptung darf gewagt werden: Kein Wort steht an der falschen Stelle und über die tatsächlich oft chaotischen und verwirrenden Zwischenwelten zwischen London und Bombay, legaler und illegaler Immigration, „Othering“, Assimilation, Integration und Überkompensation, Thatcher und Gandhi, Anti- und Postkolonialismus, Freude am Konsum und marxistischer Agitation, Hollywood und Bollywood, Rassismuskritik und Hindunationalismuslässt sich kaum anders auf diesem Niveau schreiben als in Die satanischen Verse. Und auch die Charaktere sind durchweg überzeugend ge- bzw. überzeichnet, die Dialoge brillant und oft zum Schreien komisch, die Szenerie mit all ihrem Unwahrscheinlichkeit so plastisch, dass sie sich noch nachts in die Träume des Lesers drängt.

Einziger Wermutstropfen: Dass sich die bereits im Roman so treffend erfassten politischen Frontlinien eher verhärtet haben, dass die Critical Whiteness und PC- Debatten eher mit noch mehr Vehemenz geführt und der politische Islam weiter verharmlost werden, führt die Lektüre schmerzhaft vor Augen. Das aber ist natürlich kein Fehler der Satanischen Verse.

***

Fazit: Rushdies Die satanischen Verse reiht sich mit Marquez 100 Jahre Einsamkeit, Llosas Grünem Haus und Das Gespräch in der „Kathedrale“, Bastos Ich, der Allmächtige, und dem Gesamtwerk Pynchons bei jenen sogenannten postmodernen Texten ein, die auch noch lieben kann, ja, muss, wessen Verständnis von Ästhetik dem Goethes und Schillers näher steht als dem zeitgenössischen “Alles geht”. Auf der anderen Seite stünden beispielsweise alle späteren Texte von Marquez, Paul Auster, Günter Grass Marquez-Imitation Der Butt, Jonathan Safran-Foer, oder Daniel Kehlmanns Ruhm.

 

Bild: Salman Rushdie releases ‚Midnight’s Children‘ Film / Freedom of Image – edited Surian Soosay (CC BY 2.0)

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