Pynchon: Charakter und Komposition

Zu den Themen der Romane Pynchons wurde vieles gesagt; zum Zusammenspiel von Paranoia und Rationalismus, zur Bedeutung von moderner Naturwissenschaft in Verbindung mit dem Denken in Analogien, zum allgegenwärtigen und oft ziemlich verdrehten Humor, sowie zur Motivation der heftigen pornographischen Szenen. Und die Inhalte der einzelnen Romane beackern die Enthusiasten des Pynchon-Wikis sehr akribisch.

E,U, creative writing & Beat

Den grundsätzlichen Konflikt, der hinter seinen Romanen steht fasst Pynchon selbst in einem seiner seltenen Aufsätze folgendermaßen zusammen:

“(…) [I]s history personal or statistical?”. (Slow Learner)

Eines ist sicher, Pynchon ist kein Autor, der es den Freunden der Unterscheidung von E und U Literatur leicht macht. Er ist geradezu anstrengend professionell, plant seine Plots akribisch, imitiert die Technik der schnellen Schnitte des Films, und er hat sicherlich von der 800 Wort Regel Van Vogts gehört. Die verwendet er sehr frei, doch er achtet stets darauf nie mit einer einzelnen Szene zu langweilen.

Pynchon hat in den Creative Writing Schulen in der Nachfolge des Beat gelernt und ist als Autor so konsequent, dass er bis heute nicht in der Öffentlichkeit auftritt. So vermeidet er es wie andere Schriftsteller ab einem gewissen Bekanntheitsgrad nur noch über das Schreiben schreiben zu können. Und vor allem: Er kritisiert seine früheren Texte gnadenlos vom Standpunkt der Technik, wie er sie sich jeweil ‚heute‘ angeeignet hat…

… möglich, wenn man den Stoff erst gefunden hat und das Wissen besitzt: Es gäbe ein Patentrezept, wie man einen guten Pynchon-Roman schreibt. Eine schreckliche Vorstellung? Oder Hoffnung den Quatsch und die bemüht intellektuellen Konvolute, die heute Literatur heißen, hinter sich zu lassen?

Fehlende Tiefe?

Doch das nur am Rande. Vor allem soll hier ein Aspekt herausgegriffen werden, der an der Prosa Thomas Pynchons oft kritisiert wurde. Den m.E. zentralen: Die Charaktere. Genauer: In Verbindnung mit der Romanstruktur. Den Charaktere nämlich fehle die emotionale Tiefe, wird oft bemängelt. Sie seien „Plot devices“, Funktionen, der Leser könne keine Beziehung zu ihnen entwickeln. Zum Beispiel in einer Kritik an Against the Day:

„This is the stuff of tragedy, but since the people it sort of happens to are flimsy constructions, we don’t experience it as tragic. We just watch Pynchon point to it like bystanders watching the Chums of Chance’s airship float by overhead”.

Diese Kritik hat zweifellos Recht. Oedipa Mass, Tyrone Slothropp, Webb Traverse und all die Andern in Pynchons Romanen sind keine Protagonisten, wie wir sie von Thomas Mann, Fjodor Dostojewski, Victor Hugo oder Marcel Proust gewohnt sind. Ihre Namen sprechen bereits davon. Doch das Pynchon als Schwäche vorzuhalten verfehlt dessen Arbeit. „Warum schreibst du nicht so wie wir es kennen?“, ist der Vorwurf. „Oder wenigstens wie wir gewohnt sind, es uns von großer Literatur vorzustellen?“

Dass die Welt sich verändert hat, seit Dostojewski und Mann ihre Romane verfassten, will sich eine solche Kritik nicht eingestehen. Man wünscht sich die Darstellungsweise der Hochzeiten des Bürgertums in einer Zeit in der diese nur anachronistisch sein kann. Was sind in der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, global betrachtet, denn die Einzelnen anderes als Funktionen? In einer Welt, in der es für die meisten eine Frechheit ist „Ich“ zu sagen, Charaktere zu zeichnen, die eine streng abgrenzbare Persönlichkeit haben, das wirkt mit Recht heute nur unfreiwillig komisch.

Pynchon dagegen arbeitet, und das hat er durchaus mit Mann und Dostojewski gemein, stets am großen Roman seines Zeitalters. Der Mensch als Funktion, der Charakter als Funktion wird bei ihm zum Mittel im durchkomponierten Ganzen. Und somit distanziert, damit kritisch, erfahrbar. Pynchon steht unter Zeitgenossen keinesfalls alleine da. Ob Hundert Jahre Einsamkeit oder 2666, ob Das grüne Haus oder The Recognitions, viele großen, so genannten postmodernen, Romanen fühlen sich in die Menschheit ein, gerade indem sie dem Leser nicht erlauben zu sehr mit den Charakteren zu fühlen.

Das ist nicht nur und überhaupt nicht in erster Linie notwendiger Realismus, sondern es ist der adäquate Versuch die Welt qua künstlerischer Gestaltung zu begreifen.

III

Der Roman holt in den angeführten Beispielen tatsächlich nur auf, was andere Kunstgattungen seit langem vorgemacht haben. Es bewegen sich die pynchonschen Charaktere wie Themen und Motive der Musik durch seine Romane. Das deutet Pynchon selbst an mehreren Stellen an, wenn der im V2-Programm verstrickte Pökler, ein Nazi-Mitläufer, in einer Halluzination von einer Glühbirne, die er für seinen Manipulativen Vorgesetzten hält, seine eigene (manipulierte) Lebensgeschichte erklärt bekommt:

„The bulb was explaining the plot to him in detail – it was more grand and sweeping than Pökler could ever have imagined, it seemed many nights to be purely music, his consciousness moving through the soundscape at bay, observing, compliant, still precariously safe, but not for long“ (434)

Überhaupt ist Musik bedeutend in allen Romanen Pynchons, sei es in der populären Variante: von der Jazz-Begeisterung der Beatniks beeinflusst schreibt Pynchon sicherlich einige der besten Texte für populäre Lieder, als auch in der klassischen: So kann die Diskussion zwischen Säure und Gustav über Beethoven und Rossini (GR, 446f) exemplarisch für die Frage stehen was Kunst in der postnazistischen Welt zu leisten habe, ob sie diese begreifen und durchdringen oder tragbar machen soll, und die leitmotivische Widerkehr des tragischen Todes von Anton Webern kann als Abgesang auf die Möglichkeit selbstbewusster Kunst in jener Welt gelesen werden.

In Thomas Pynchons Romanen tritt jeder Charakter auf mit seiner eigenen Gedanken- und Sprachwelt. Jeder ist für den engagierten Leser unverkennbar. Welten kollidieren oder verknüpfen sich, alles hängt mit allem zusammen (nach Pynchon das paranoide Muster), oder isolieren sich, und dümpeln ganz allein vor sich hin (nach Pynchon auf Dauer unerträglich). Stimmen, an die wir uns gewöhnt haben, werden verwirrt, werden in Kakophonien gedrängt, erklingen dann wieder alleine, im isolierten, unsicheren, Tasten der in die Welt geworfenen Einzelnen. Der Autor tritt als Dirigent auf, allmächtig, aber der realen Ohnmacht des Menschen, wie er ist, eingedenk. Daher wohl auch der Eindruck von Chaos in Pynchons Romanen.

Weil das Stück im Medium der uns gemeinen Sprache geschrieben ist sind Pynchons Romane doch deutlich zugänglicher als die Kompositionen der Neuen Musik, die Pate gestanden haben könnten.

Oder vielleicht könnte Beethoven Pate stehen, siehe die Große Fuge – Stichwort: Vermittlung durch die Extreme. Tatsächlich glaube ich, dass der Roman heute die Kunstform ist, in der am wenigsten zeitadäquat gedichtet wird, dazu vielleicht später mal mehr. Pynchon weist den Weg dahin, was möglich werden sollte.

IV

Was noch? Ach ja: Charaktere als Funktionen, als Motive, das bedeutet nicht unausgearbeitete Charaktere.

Dass man beides gern es in eins setzt ist vor allem der Faulheit der Leser geschuldet. So wenig ein musikalisches Thema unterkomplex sein muss, sind es die Charaktere Pynchons. Aber auch ich ertappe mich dabei, gerade beim wiederlesen, wie ich die Vergangenheit und die Motivation der einzelnen Figuren überschlage oder verdränge. Die Abschaffung des Menschlichen ist nicht einfach ein ästhetisches Projekt, das der Autor Pynchon vorantreibt. Pynchon hält einem gesellschaftlichen Projekts den Spiegel vor, und transzendiert es, indem er uns des unaufmerksamen Lesens überführt. Wer Pynchons Figuren als allzu flach und unbedeutend denunziert, nimmt zum zweiten Mal an diesem Projekt teil.

 

Bild: Gravity’s Rainbow von Will Folsome, CC BY 2.0

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