Blendwerk? Danielewskis „House of Leaves“

Satzfragen und Formfragen sind etwas Grundverschiedenes

Erinnert sich noch jemand an House of Leaves von Mark Z. Danielewski? Dieser experimentelle Roman wurde vor einigen Jahren in literaturinteressierten Kreisen heftig gehyped, und verkaufte sich für ein unorthodoxes Werk ausgesprochen gut. Im Kunst/Kulturmagazin Postmondaen publizierte zuletzt Daniel Ableev eine späte, sehr positive Besprechung. House of Leaves, scheints, ist ein anerkanntes modernes Meisterwerk. Nun: I strongly disagree. Unter häufigen Rückgriffen auf Argumente von Arthur B (nur zufälligerweise auch „mein“ Editor in Chief bei Ferretbrain.

House of Leaves handelt von einem Bericht über einen Film, in dem ein Dokumentarfilmer und Pulitzerpreisgewinner sein neu erworbenes Haus durchsucht, dass innen ausgedehnter als außen erscheint. Oder ausführlicher und der Anlage des Plots besser gerecht werdend:

„Like any good post-modernist, Danielewski has a distinct interest in texts and their interpretation and deconstruction, and House of Leaves presents a sort of multi-layered onion of texts (with a few associated pieces presented in the appendices). The core text the whole story surrounds is The Navidson Record, a filmt – purportedly a documentary – put together by Pulitzer-winning photojournalist Will Navidson and his partner Karen Green. The film chronicles the bizarre events that ensue when Will, Karen, and their two children move into a new home on Ash Tree Lane in a quiet region of Virginia; Will first becomes aware that something is up with their new home when he realises that the internal measurements exceed the externals by about half an inch, and once he calls in favours from his slacker brother Tom and his engineering professor friend Billy Reston even greater impossibilities arise: the disparity in the size of the interior rooms increases to at least a foot, a passageway spontaneously appears between Will and Karen’s room and the kids’ room, and a doorway appears in the living room which didn’t used to be there.“

In dieser Zusammenfassung von Arthur treten bereits die größten Probleme von House of Leaves zu Tage. Der Roman ist einerseits unglaublich selbstreferenziell, nimmt andererseits aber für sich in Anspruch sich mit Kunst im Allgemeinen, mit Literatur und Film im Besonderen umfassend auseinanderzusetzen und durch einen (oft aufgesetzt wirkenden) Apparat von Querverweisen innerhalb des Werkes sowie fiktive und reale Quellen zum Thema, die akademische Kunstkritik wie man heute so sagt zu „dekonstruieren“ (vgl. Titelbild). Gleichzeitig bleibt die Geschichte, rund um die dieser Apparat aufgebaut wird, inhaltlich banal. Man hat das Gefühl einem Autor dabei zuzuschauen wie er DAS Meisterwerk ™ der Postmoderne übers Knie zu brechen versucht, und dabei sein literarisches Handwerkszeug zusehends vernachlässigt.

Besonders deutlich wird das in der zentralen Horrorgeschichte, die um die Erkundung des Hauses kreist:

„The living room door should lead to the outside – but the exterior wall on the opposite side shows nothing. In fact, beyond the living room door lies a vast, impossible, constantly shifting labyrinth of pitch-black featureless corridors – a labyrinth Will is determined to explore, and which Karen is absolutely terrified of. Roping in a team led by experienced explorer Holloway Roberts, Navidson and his allies undertake a series of expeditions which eventually lead to a horrendous disaster, but also turns out to be the key to the healing of Will and Karen’s relationship.”

Diese Geschichte ist bis zum Schluss, in dem Navidson tief im Labyrinth unter dem Haus gerade jenes Buch findet, in das auch wir uns im Moment lesend verzettelt haben (uhuhu!), vorhersehbar, und die Rettung Navidsons aus dem Labyrinth durch seine Frau Karen wirkt abgeschmackt und geradezu kitschig.

***

Das schadet House of Leaves weit mehr, als es auf Ferretbrain zu bedenken gegeben wird:

„The scenario presented in the book is so unlike any conventional narrative that when you get a “love conquers all” ending in which Karen rescues Will from the depths of the labyrinth through the sheer power of her love for him it feels like a gargantuan cop-out.”.

Denn mit diesem Ende fällt das gesamte künstlerische Konzept des Romans, die intensive Beschäftigung mit Text, sowie dem Buch in seiner besonderen Eigenschaft als Buch (kulturell stets mehr als eine handliche Form Text darzureichen), in sich zusammen. Rechtfertigt die einfache Message „Pass auf dass du dich im Selbstreferenziellen nicht verhedderst und die einfachen Dinge aus den Augen verlierst“, die von House of Leaves bleibt, tatsächlich dessen labyrinthische Anlage? Insbesondere da sie ein Wiederlesen des Textes beinahe ausschließt, das würde ja wider besseres Wissen bedeuten sich ein zweites Mal ins Labyrinth zu begeben? Ich halte es da mit Arthur: Auf keinen Fall:

House of Leaves asks the reader to invest hours of reading time and extensive cross-referencing and analysis to reach an utterly trite punchline.”

Generell bin ich Texten gegenüber, die das formale Experiment auf Schrift und Satz ausdehnen eher skeptisch. Oft genug legt eine solche formale Gestaltung nahe, dass Form in Wahrheit als etwas dem Text äußerliches begriffen wird, als eine Frage des Designs, das man nutzen kann um bestimmte Effekte hervorzurufen, und nicht als etwas dem Text mindestens ebenso innerliches wie die Handlung.

In meiner Skepsis sehe ich mich durch House of Leaves bestätigt. Der überraschend gesetzte Text ist alles in allem sehr unüberraschend verfasst, man darf bezweifeln dass sich Danielewski über seine Satzstruktur, über die Stellung bestimmter Worte im Satz usw. mehr Gedanken gemacht hat, als es nötig war um die Erzählstränge rudimentär im Ton voneinander abzugrenzen. Die Form eines Textes, das ist für Danielewski, wie der Text an der Oberfläche erscheint, und nicht wie er sich im Inneren aufbaut, wie sich jede kleinste Bedeutungseinheit zu allen anderen verhält. Und selbst diese äußere Form korrespondiert wie bereits angeführt nur in wiederum sehr oberflächlicher Weise mit dem Verlauf des reinen Plots.

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Titel: Eigenes Bild

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