Leseliste I – Der Hexer // Fantasykritik im European

Auf meine anderthalbteilige Kritik am Grimdark-Realism-Geschwätz rund um die Show Game of Thrones hin habe ich einige Zuschriften mit Buchempfehlungen bekommen, die ich nun langsam aber sicher abzuarbeiten beginne. Nicht sonderlich überzeugt hat mich der derzeit wohl meistgehypte (und in den Kommentaren meistempfohlene) Titel auf der Liste, Der Hexer von Andrzej Sapkowski. Gewiss, der erste Teil der Romanreihe (es gibt noch Bände mit Kurzgeschichten), Das Blut der Elfen, ist kurzweilig erzählt und ein spannend zu lesender Abenteuerroman. Aber meine Analyse vom Sommer

„Das hängt heute in erster Linie damit zusammen, dass Ernsthaftigkeit mit Hinblick auf die etablierten Erwartungshaltungen eines in relativ festen Bahnen eingefahrenen Fandoms diskutiert wird. Als wertvoll gilt ein Text, wenn er in postmoderner Manier besonders viele Erwartungen dieses Fandoms, etwa Geschlechterklischees, Vorstellungen über „Rassen“, eben etablierte Topoi der modernen fantastischen Literatur, bricht (…) Was wie eine Debatte über die literarischen Qualitäten fantastischer Literatur daherkommt, ist oft genug tatsächlich die selbstkritische Nabelschau eines den Kinderschuhen noch nicht wirklich entwachsenen Fandoms, das sich selbst die reaktionären Dämonen auszutreiben sucht.“

entkräftet er keinesfalls – im Gegenteil.

Klischees und bemühte Brüche

Mit einer martialischen Schlachtszene wirft uns Sapkowski in die Handlung. Die war – vorsicht, Anfängerklischee – nur ein Traum, allerdings – ui, psychologische Tiefe – Traum auf Basis einers Traumas! Es folgt ein Ortswechsel, ein Barde erzählt die Geschichte der träumenden Ciri, und innerhalb eines relativ generischen Fantasy-Settings diskutieren Zwerg, Elfen und Menschen den Sinn von Heroismus und Fragen wie die, ob eine Kampfhandlung nun eine Schlacht oder ein Massaker gewesen sei – Mindblow: Beides, je nach Perspektive!

In der Folge setzt sich fort, was im Anfang angelegt wurde – die klassische Fantasy-Welt wird auf ambivalent getrimmt, auch die scheinbar guten „verführen“ Kinder für ihre Zwecke und führen dubiose Experimente durch, die Sprache ist hart, knapp, ein strahlender Held nicht in Sicht (allerdings mit Ciri bei allen Brüchen doch eine recht typische Auserwähltenfigur). Wie gesagt, lesbar, und sicherlich tausendmal besser als das manches andre, wofür sich im Englischen der Begriff Young-Adult-Fiction etabliert hat. Aber abgesehen von der Weitschweifigkeit auch alle Schwächen von Game of Thrones et al wiederholend.

Stereotype im freien Raum brechen ist billig

Nein, liebe Autorinnen und Autoren, so wird das nichts. Einfach ein High-Fantasy-Setting aufzubauen und dann durch zu deklinieren, dass Elfen auch eine „düstere“ Psyche haben können, dass edle Magier/Innen und Ritter gern wild vögeln und dass Frauen kämpfen können, ist in etwa so einfallsreich wie ein Roman der immer wieder betont dass nicht alle Native Americans stolze Krieger sind. Ein plumper, wiewohl berechtigter Einspruch gegen plumpe Vorurteile, ja, aber literarisch weit entfernt von den Erzählungen Momadays oder Erdrichs.

Gewiss lebt Fantasy vom Wiedererkennungswert, der durch Stereotype geschaffen werden kann und oft wird. Aber das Brechen von Stereotypen die a) als erfundene ziemlich frei im Raum schweben und b) als solche nur von einem (ich denke kleinen) Teil der Fangemeinde wirklich vehement verteidigt werden, mag zwar recht sein – es ist vor allem billig.

vorselektierte Leseliste:

Andrzej Sapkowski – Der Hexer
Joy Chant – Der Mond der Brennenden Bäume
Viktor Pelewin – Das 5. Imperium
Esther Rochon – Der Träumer in der Zitadelle
Neil Gaiman – American Gods / Ocean at the end of the Lane
China Miéville – Perdido Street Station
Walter Moers – Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
Samit Basu – GameWorld trilogy

Als nächstes mache ich mich an China Miéville – Perdido Street Station – das klingt sehr vielversprechend. Weitere Rezensionen werden bei DieKolumnisten erscheinen.

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