Cindy & Bert – Gruseliger als Black Sabbath?

Kritik des Schlagers als Gesellschaftskritik – ein Fundstück

Das folgende Video möchte ich ohne größeren eigenen Kommentar präsentieren. Es handelt sich um ein Cover des Songs Paranoid von Black Sabbath durch die deutschen Schlagersternchen Cindy & Bert.
Auf diese auf den ersten Blick ungewöhnliche, der Tendenz nach so aber auch etwa von Juliane Werding oder Freddy Quinn vielfältig praktizierte Aneignung avancierter Popmusik stieß ich eher zufällig, als ich beim stöbern den Blog „postmondän“ entdeckte:

Zum Video heißt es dort:

„Bei Black Sabbath reichte das nicht. Ihr einzigartiger Sound war nicht mehr aus der Welt zu bekommen, doch die viele negative Energie schien deutsche Sendeanstalten zu überfordern und ihnen ihr Publikum zu entfernen. Ein sicherer Tod für die deutsche Schlagerkultur. Könnte man denken. Doch es gab einen Ausweg: Cindy und Bert.

Ihr Song Der Hund von Baskerville ist musikalisch ein tadellos produziertes Cover von Paranoid, das seinem Original in nichts nachsteht. Aber textlich machen Cindy und Bert daraus ein Genre-Stück, in dem die als unheimlich wahrgenommene und damals sehr bekannte Geschichte des gleichnamigen Sherlock–Holmes-Falls erzählt wird. Aus dem glaubhaft von Ozzy Osborne inszenierten verzweifelten Ich-Erzähler des Originals wird die angeregte Geschichtenerzählerin Cindy.

Es gelingt, die Konnotation des Songs vollkommen zu verkehren: Der lebensverneinende Protestsong wird zum familienfreundlichen Stück deutscher Hochkultur, in dem „die gute alte Schauergeschichte“, für die man auch schon mal britische Autoren las, ihr neues Gewand fand. Cindy und Bert haben dem deutschsprachigen Musikmarkt diese neuartige Musik erklärt und eine Versöhnung mit dem unheimlichen Sound erzeugt. Und das war bereits ein Nachklang der Hochphase des Schlagers, dessen frühere Macht sich nur erahnen lässt. Auf kurze Sicht haben von dem Cover alle Beteiligten, auch Black Sabbath, profitiert. Doch dem großen deutschen Schlager stand mit der Globalisierung der Popmusik ein unaufhaltsamer Leidensweg bevor.“

Der dazugehörige Artikel Helene Fi­scher spielt Kon­zer­te vor 60.000 Men­schen. Wa­rum? ist in Gänze lesenswert, obwohl – oder besser vielleicht gerade weil – er den Leser zur Reflexion auch auf eigene Vorlieben zwingt. Das ist schmerzhaft: Autor Gregor van Dülmen drängt dazu, die Komfortzone zu verlassen, gleichzeitig erlaubt er nicht, sich dünkelhaft in einer neuen Komfortzone einzurichten, indem man sich als Wissender über tumbe Schlagerfans erhebt.
Nicht das Symptom, sondern woraus es hervorgegangen sein könnte, ist Gegenstand der Kritik. Damit beschreibt van Dülmen grob etwa die Kehrseite der Medaille dessen, was ich versucht habe in meinen beiden Essays zu Game of Thrones und Fantasy in The European zu entwickeln. Wo die einen sich anhand professionell produzierte Hochglanzbilder der immerwährenden und nicht überwindbaren Brutalität allen Daseins versichern, flüchten andere sich in ebenso professionell produzierte süßlich überzeichnete Parallelwelten.

Ich muss sagen, für zweiteres habe ich deutlich mehr Verständnis.

Übrigens: So verlockend es nun sein mag, wie man es in Fankreisen gern tut, nun einfach einmal mehr die „authentischere“ Kultur, in diesem Fall also Black Sabbath gegen Cindy und Bert, von mir aus auch Robbie Williams und Oasis gegen Helene Fischer aufzurichten, bedient eine derartige konservative Revolution im Privaten doch nur die gleichen Affekte. Man segelt dann wieder im Fahrwasser einer bemühten Düsternis a la GOT.
Eskapismus vom Eskapismus ist keine Antwort. Und wo man sonst keine Antworten hat, noch haben will, wäre es wenigsten angebracht, die eigenen Vorlieben nicht allzu sehr politisch aufzuladen.

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